Der Mond und das Mädchen

Martin Mosebach, 2007

Klappentext

Hans kann sich glücklich schätzen, und das tut er auch. So glücklich schätzt er sich, dass er, gerade ins Berufsleben eingetaucht und frisch vermählt, in Abwesenheit seiner bezaubernden Gattin Ina eine etwas schäbige Wohnung im Frankfurter Bahnhofsviertel mietet. Dann findet die entsetzte Ina im Schlafzimmer eine tote Taube. Ein Ehering geht verloren, die Mitbewohner entpuppen sich als Zauberwesen, ein Besäufnis gerät zum Hexentanz. Und auch die Wirrungen der Verführungskunst stellen das junge Glück auf eine harte Probe

Es gibt einen recht unscheinbaren, aber entlarvenden Satz in Der Mond und das Mädchen des Büchner-Preisträgers von 2007, Martin Mosebach. Er kommt recht unauffällig daher, ist aber symptomatisch für des Autors Schreibkonzept. Er lautet: “Ich heiße Despina Mahmoudi”, sagte sie, als sei das der erste Satz aus einem bedeutenden Roman des neunzehnten Jahrhunderts, und das war er vielleicht auch. In diesen Worten steckt das ganze Dilemma des Romans – und sein eigentümlicher Reiz. Denn Der Mond und das Mädchen versucht tatsächlich, ein bedeutender Roman aus längst vergangenen Zeiten zu sein, auch wenn er in der Jetztzeit spielt: Ein Buch, das schon im Erscheinungsjahr die etwas angestaubte Aura des Klassikers verströmen soll. Längst verklungene und auf der Liste der bedrohten Wörter stehende Wendungen bringt uns Mosebach dabei ans Ohr. “Angelegentlich” schreibt er im Buch, und “blümerant”. Das Telefon heißt “Telephon”, als wäre die Entwicklung der Rechtschreibung am Apparat vorbeigegangen, das Handy “Telephon in seiner Brusttasche”. Fast scheint es, als habe der Autor vorm 21. Jahrhundert, seinen Befindlich- und Begrifflichkeiten Angst.

Trotzdem: Mosebachs Stil verklärt die Gegenwart auf zauberische Weise. Und der Umstand, dass sich das Buch auch als Hommage an Shakespeares Sommernachtstraum verstehen lässt – eine Hommage zudem, deren Bezüge zu entschlüsseln Freude macht –, gibt der Geschichte einen sonderbaren Charme. Der Mond und das Mädchen ist wohl kein großer, bedeutender Roman, der es zum Klassiker bringen wird. Aber er gibt seinem Leser Seite für Seite die Illusion, einer zu sein. Und das ist mehr, als die meisten anderen Bücher der neueren Literatur versprechen könnten. – Thomas Köster, Literaturanzeiger.de

187 Seiten

Notizen

Für Sentimentalitäten war keine Zeit, so drückte es seine Schwiegermutter aus, in deren Nähe es nicht nur die Sentimentalitäten, sondern eigentlich sämtliche Gefühlsregungen schwer hatten, sich zu behaupten.

»Wäre ich allein, hätte ich die Wohnung nicht genommen.« Das stimmte nicht. Was ihm jetzt Sorgen machte, war nur Inas Miene, und so unterlief ihm mitten in seiner flitterwöchnerischen Verliebtheit bereits der schäbige kleine Versuch, ihr ein Stückchen Schuld zuzuschieben, wenn sie von seiner Entscheidung enttäuscht sein sollte. Diese moralische Fragwürdigkeit war aber ausschließlich der Hitze zuzuschreiben. Wie Wein und Äpfel ist auch eine strikte Moral von gemäßigtem Klima abhängig.

»Wir sind keine Europäer mehr«, sagte Wittekind und verbarg seine Genugtuung nicht, »wir sind Phönizier. Wir haben die europäische Kultur aufgegeben und die Nachfolge der phönizischen Kultur angetreten.« Die Europäer hätten alle wesentlichen kulturellen Merkmale des weitgehend untergegangenen, aber wirkmächtig in die Geschichte hineinverdampften phönizischen Volkes zu neuer Blüte und zu einer ungeahnten Entfaltung geführt.

Phönizisch sei unser Verhältnis zu den Zahlen, sagte Wittekind liebenswürdig lächelnd, unser Wille und unsere erstaunliche Fähigkeit, jedes Lebensverhältnis, jeden Gedanken, jede Realität nur noch als Zahlenketten verstehen und darstellen zu wollen. Phönizisch sei unsere entschlossene Abkehr von der Produktion zugunsten des Handels als der vorherrschenden ökonomischen, politischen und wissenschaftlichen Aktivität. Selbst die Kunst hätten wir dem Handel dienstbar gemacht und sähen sie nur noch als Funktion des Handels. Phönizisch sei unser Verhältnis zum Raum: in den Metropolen gleichsam mit dem Rücken zum eigenen Land zu leben und in Frankfurt etwa nicht mit dem Spessart oder der Wetterau, sondern mit Tokio und New York befaßt zu sein, nicht mehr den eigenen Landraum, sondern die ferne Gegenküste im Blick habend.

»die Abtreibungen bei uns sind genau solche Opfer, die für eine glückliche und wohlhabende Zukunft dargebracht werden.« »Haben Sie Kinder?« fragte Hans unversehens. Er hätte am liebsten nichts dergleichen gesagt, aber jetzt war es heraus. »Nein«, antwortete Wittekind und seine Augen blitzten heiter: »Wir sind glücklich und wohlhabend.«

»Haben Sie zufällig schon die Miete für diesen Monat bezahlt?« Ina sagte: »Ja, natürlich, ich selbst habe die Überweisung geschrieben.« »An wen, wenn ich fragen darf?« »Wie es vereinbart ist: an Herrn Souad.« Herr Sieger versank in Nachdenken und murmelte vor sich hin. Natürlich, so sei es schließlich vereinbart, es sei dann wohl in Ordnung so. Sei das Geld etwa nicht angekommen? Sicher sei das nie, sagte Herr Sieger, aber normalerweise komme es schon an, Herr Souad habe sich doch nicht beschwert. »Sprechen Sie mit Herrn Souad«, das hatte Ina als Aufforderung gemeint, aber unversehens klang es unbestimmt, beinahe wie eine Frage. Nein, mit Souad werde er nicht sprechen, sagte Sieger bestimmt, keinesfalls. Und das, obwohl er gegenwärtig keinen Pfennig, nicht einen einzigen Pfennig besitze. Ob sie ihm mit fünfzig Euro aushelfen dürfe, fragte Ina. Die Verblüffung hatte ihr diesen Vorschlag eingegeben. Herr Sieger drehte einen Augenblick die Augen weg, bekam sie aber wieder in die Gewalt, faßte Ina würdevoll wie noch an keinem Augenblick des Abends, ja geradezu streng ins Auge und sagte: »Ich würde dies Angebot gerne annehmen.«

Ein gesunder, junger Mensch stellt sich Veränderungen des Lebens stets als äußeres Ereignis vor

Ehepaare, die sich auseinandergelebt haben, finden in gemeinsamem Spott über andere Leute oft noch ein Stückchen der alten Gemeinsamkeit zurück. Man hat einen Ton gemeinsam, man sieht Ähnliches und lacht über dasselbe. Unter dem Gesichtspunkt ehelicher Friedfertigkeit und des Festhaltens am gemeinsamen Leben ist der böswillige eheliche Nachklatsch moralisch durchaus zu rechtfertigen. Auch Ehefrieden hat eben einen Preis.

Wie der Wald mehr ist als die Summe der Bäume, so ist die Gesellschaft auch mehr als die Menschen, die an ihr teilnehmen. Ist sie groß genug, wird sie sogar zum lebenden Wesen mit Seele, die von jener der einzelnen Teilnehmer unabhängig ist

Er hatte geglaubt, Brittas Geruch, diesen sehr zarten, aber für sie bezeichnenden Geruch nach etwas mild Meersalzigem, vermischt mit Banane, noch an sich zu tragen, und das tat er wahrscheinlich auch. Unter dem kalten Wasser wurde das Kleid der Nacht nun abgewaschen. Es war wie eine Taufe, die alle Klebrigkeit der Vergangenheit auflöste und wegspülte. Der gewaschene Mensch war der gute Mensch. So mußte einem betrunkenen Landstreicher zumute sein, wenn er ohnmächtig aus dem Rinnstein gesammelt und ins Krankenhaus gebracht wurde und dort in einem sauberen Bett und gewaschen erwachte.

Wer sich vom Prinzip des benediktinischen Mönchtums verabschiedet und Bett, Tisch, Stuhl und zwei Gewänder, dazu ein Messer, eine Gabel, einen Löffel und ein Mundtuch zum Leben nicht für ausreichend hält, der wird, auch wenn er arm ist, bald eine staunenswerte Fülle von Dingen besitzen, und zwar gerade als Armer, so will es ein höhnisches Paradox.

Sie hatte diese Wohnung eingerichtet und manches dafür zusammengetragen, aber nun begannen die Sachen, ihr Eigenleben zu führen und sich dort aufzuhalten, wo sie sein wollten in ihrem blinden Sinn, dem der Aufstand gegen die Ordnung tief eingewurzelt war. Die Wohnung beugte sich ihr nicht einmal zum Schein. Sie empfand unversehens die Häßlichkeit dieser beginnenden Verwahrlosung wie die Äußerung einer fremden, feindlich gesinnten Macht, die ihre Kraft erst zeigte, nachdem die eigene verbraucht war.

Es war ihr jetzt, als hätte sie sich mit ihrer Heirat und dem ehelichen Leben danach schon viel zu weit von dem ihr angemessenen Lebenskreis entfernt, als bewege sie sich hier in fremden Zonen, für die sie nicht ausgerüstet sei, und als werde ihr selbst Hans hier ein Fremder.

Hans und Ina hatten die vertrauten Sphären verlassen, und es fiel Hans offenbar gar nicht schwer, sich anderswo einzufinden. Daß er mit Leuten wie den Wittekinds zurechtkam, war eine verstörende Entdeckung, die dazu aufforderte, ihn, den sie zu kennen meinte, vollkommen neu zu deuten.

Daß Frau von Klein den Menschen, die mit ihr lebten, gerade noch die Atemluft an eigenem Freiraum zugestand, das war vielleicht gut. Die Vortrefflichkeit solch lückenloser Eingespanntheit war als Schutz jedenfalls überhaupt nicht zu unterschätzen. Hans ahnte nicht einmal, was Schutz war. Wenn sie jetzt an ihn dachte, dann erschien er ihr wie in einer Traumsequenz: Sie versinkend in einem pechschwarzen Moor, er weit von ihr der roten Sonne entgegengehend, singend und pfeifend und taub für ihre Schreie, und, nachdem er sie schließlich gehört hatte, auf die für Träume bezeichnende Weise daran gehindert, zu ihr zu gelangen, mit den Füßen festgeklebt, ein Bild der Unfähigkeit und des ohnmächtigen Bedauerns.

Zielsicher ging sie auf Wittekind zu, erwiderte seinen Gruß nicht, bückte sich nach der Bierflasche, wandte sich zu Hans und schlug ihm die Flasche mit einer weiten Bewegung auf den Kopf. Die Flasche zerbrach. Ina stand still da mit dem gezackten Hals in der Hand. Hans bewegte sich nicht. Blut quoll aus seiner Stirn und lief ihm in die Augen. Es rührte sich keine Hand in der verzauberten Stille. Ina stand mit geschlossenen Augen. Sie wartete. Irgend etwas, das wußte sie, würde geschehen.

Fazit

Muss man Sofa “Sopha” schreiben? Muss man nicht, aber man sieht: man kann. Ich lese keine Klappentexte, und der darin erwähnte Sommernachtstraum-Bezug ist mir nicht aufgefallen. Hinterher macht es Sinn. Das Ironische, das Spielerische, das Magische und auch die Distanz des Erzählers passen gut.

Man liest viel, wie langweilig und unnötig diese eigentliche Novelle sei, aber das stimmt für mich überhaupt nicht. Das Buch ist kurzweilig, bezaubernd, köstlich.

Die Probleme könnte man woanders suchen. Die Düsternis der marokkanischen Tanzszene bleibt unerklärt. Google weist auf Chikhat und Guedra, aber wenn man Videos davon sieht, dann fehlt hier jegliches dämonische Element. Genau diese Rolle weist Mosebach der Szene aber zu. Das ist nicht Exotik, das ist Unterwelt. Zynisch knnte man das als Missbrauch betrachten. Das Exotische als Böses? Wenn, ja wenn da nicht die ironische Distanz des Autors wäre. Am Ende ist alles wieder im Sinne von Idas Mutter gut. Es ist kein Zufall, dass Mosebach sie “Frau von Klein” heißen lässt.

Empfehlung? Ja, durchaus 😁