Ein ganzes Leben

Robert Seethaler, 2016

Klappentext

Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen.

193 Seiten

Notizen

»Hosen runter!«, befahl der Bauer. Egger verschränkte die Hände vor der Brust und schüttelte den Kopf. »Da schau her, der Bankert will dem Bauern widersprechen«, sagte Kranzstocker. »Ich will meine Ruhe, sonst nichts«, sagte Egger. Der Bauer schob den Unterkiefer nach vorne. Zwischen seinen Bartstoppeln klebten trockene Milchreste. An seinem Hals pulsierte eine lange, geschwungene Ader. Er trat einen Schritt nach vorne und hob den Arm. »Wenn du mich schlagst, bring ich dich um!«, sagte Egger und der Bauer verharrte mitten in der Bewegung. Wenn Egger in seinem späteren Leben an diesen Augenblick zurückdachte, kam es ihm vor, als hätten sie sich damals den ganzen Abend so gegenübergestanden: er mit seinen vor der Brust verschränkten Armen, der Bauer mit der Haselnussgerte in der erhobenen Faust, beide schweigend und mit dem kalten Hass in den Blicken. In Wirklichkeit waren es höchstens ein paar Sekunden. An der Gerte lief langsam ein Wassertropfen hinunter, löste sich mit einem Zittern und fiel auf die Erde. Aus dem Stall drang das gedämpfte Mampfen der Kühe. Im Haus lachte eins der Kinder auf, dann war es wieder still auf dem Hof. Kranzstocker ließ den Arm sinken. »Schleich dich jetzt«, sagte er mit tonloser Stimme, und Egger ging.

Sie hieß Marie und Egger fand, es war der schönste Name der Welt.

An einem Nachmittag Ende August führte er sie zu seinem Grundstück.

Eggers Nächte waren nun nicht länger einsam.

Ist der Grollerer jetzt überhaupt noch der Grollerer?« Egger zuckte mit den Schultern. »Warum denn nicht? Eben der Grollerer mit nur einem Arm.« »Und wenn ihm der Baum beide Arme abgerissen hätte?« »Auch dann. Immer noch der Grollerer.« »Und wenn er ihm, sagen wir jetzt einmal, beide Arme, beide Beine und den halben Kopf weggerissen hätte?« Egger dachte nach. »Wahrscheinlich wär er dann auch noch immer der Grollerer … irgendwie.«

»Es ist eine Sauerei mit dem Sterben«, sagte er. »Man wird einfach weniger mit der Zeit. Bei dem einen geht es schnell, beim Nächsten kann es dauern. Von der Geburt an verlierst du eines nach dem anderen: zuerst einen Zeh, dann einen Arm, zuerst einen Zahn, dann das Gebiss, zuerst eine Erinnerung, dann das ganze Gedächtnis und so weiter und so fort, bis irgendwann nichts mehr übrig bleibt. Dann hauen sie den letzten Rest von dir in ein Loch und schaufeln es zu und fertig.«

die 1. Wendenkogler Luftseilbahn (das war ihre offizielle Bezeichnung, die allerdings nur vom Bürgermeister und von den Touristen verwendet wurde – die Einheimischen nannten sie wegen ihrer beiden blitzblauen Waggons, die zudem aufgrund ihrer etwas flach geratenen Frontpartien an die Gattin des Bürgermeisters erinnerten, einfach nur die Blaue Liesl)

»Ich bin gleich da«, sagte er zu sich selbst oder zu Marie oder zu irgendwem, doch im selben Augenblick wusste er, dass ihn niemand mehr hören würde,

Später erinnerte er sich an die Jahre nach der Lawine als an eine leere, schweigende Zeit, die sich nur langsam und beinahe unmerklich wieder mit Leben füllte.

»Das ist gut«, meinte der Offizier. »Haben Sie schon einmal vom Kaukasus gehört?« »Nein«, sagte Egger. »Macht nichts«, sagte der Offizier. »Andreas Egger, ich erkläre Sie hiermit für kriegstauglich. Ihnen kommt die ehrenvolle Aufgabe zu, den Osten zu befreien!«

Meine liebe Marie, ich schreibe Dir aus Russland. Es ist nicht gar so schlecht hier. Es gibt Arbeit und was zu essen, und weil es keine Berge gibt, ist der Himmel weiter, als man schauen kann. Nur die Kälte ist schlimm. Es ist eine andere Kälte als zu Hause. Wenn ich nur ein einziges Petroleumsäckchen hätte, so wie ich damals so viele gehabt habe, wäre es schon gut. Aber ich will nicht klagen. Manch einer liegt steif und kalt im Schnee, während ich mir immer noch die Sterne anschaue. Vielleicht siehst Du die Sterne ja auch. Leider muss ich jetzt endigen. Ich schreibe nur langsam und hinter den Hügeln wird es schon hell. Dein Egger Er faltete den Brief so klein wie möglich zusammen und begrub ihn in der Erde zu seinen Füßen. Dann nahm er seine Decke und ging in die Baracke zurück.

Der Bürgermeister war nun kein Nazi mehr

»Ein jeder hinkt für sich allein!«

»Ich bin erst bei einer Frau gelegen«, sagte er. »Das macht nichts«, sagte die Lehrerin. »Es ist mir recht.«

Wie alle Menschen hatte auch er während seines Lebens Vorstellungen und Träume in sich getragen. Manches davon hatte er sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden. Aber er war immer noch da.

Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen.

Fazit

Kann man ein ganzes Leben in 193 Seiten fassen? Seethaler kann es. Er schildert Schlüsselereignisse aus dem Leben eines “einfachen Menschen”. Könnte man mein Leben in 193 Seiten fassen? Spontan hätte ich wahrscheinlich Schwierigkeiten, sie zu füllen.

Es geht hier um die großen Ereignisse. Die Ankunft im Tal und die Unterbringung beim Bauern, den Bruch mit dem Bauern, das Werben um Marie, die kurze Erfüllung und der bittere Verlust durch die Lawine, seine Teilnahme am, oder vielmehr seine beiläufige Anwesenheit im Krieg im Kaukasus. Die Rückkehr, der Tod des Kollegen bei der Arbeit, das Bergführen. Der Rest ist Lebenseinstellung. Das Geflecht der Ereignisse und Eggers Art, damit umzugehen, das ist es, was die Erzählung so stimmig macht.

Ein großes Buch.