Martin Mosebach, 2022
Klappentext
Wie jedes Jahr verbringt die Familie Dalandt den Sommer in der Provence. Die Hitze macht träge, in der Zypresse zirpen Zikaden, und jeden Morgen läuft die Hausherrin im Nachthemd durch den Garten zum Pförtnerhaus, wo der Verwalter sie erwartet. Ihr Mann ist durch eine eigene verhängnisvolle Beziehung abgelenkt. Da entzündet sich ein Ehestreit an ›Taube und Wildente‹, einem Stillleben aus dem 19. Jahrhundert. Was hat es mit dem zinnoberroten Punkt in seinem Zentrum auf sich, macht der es nicht zu einem modernen Meisterwerk? Aber die Frau will es verkaufen, die Spannung zwischen beiden wächst. Martin Mosebach, der menschliche Schwächen schildert wie kein zweiter, malt mit Wörtern. Ein flammender Roman über Kunst, Liebe und Verrat.
337 Seiten
Notizen
Die Katze gab der inzwischen angeschlagenen Zikade – die Hiebe mit den Pfoten mochten sie verwundet haben – eine Chance; die Folter des Insekts inszenierte sie als ein tänzerisches Spiel. Nie habe ich die Katze so elegant, so anmutig gesehen.
Es sei dieser malerische Bauernhof in ausgetrocknetem Land einfach kein optisches Äquivalent für die Leiden der ausgebeuteten Kongolesen. »Was wäre denn eines?« Ihre Stimme klang, als wehre sie sich gegen Allmendingers Pathos, aber der war um eine Antwort nicht verlegen. »Der Brüsseler Justizpalast, maßlos, brutal, bedrohend – ein Ungerechtigkeitstriumph. Aber doch nicht diese spätkapitalistischen Schäferspiele!«
Und das war ein Dante-Gedanke: Die Menschen waren das, was sie getan hatten – ob in lasterhafter Wiederholung oder auch nur ein einziges Mal. Ihre Tat definierte sie erschöpfend; da gab es keine Ausflucht, kein »Ich ist ein anderer«, im Gegenteil. Zwischen eine Person und ihre Tat paßte kein Blatt Papier – kein Attest, kein Plädoyer, keine die Person und ihre Motive zerlegende Analyse. Die Tat des Menschen war seine Form, ohne die Tat gab es ihn gar nicht, die Tat ließ ihn entstehen, und zwar als einen auf ewig Verdammten.
»Ich frage mich, warum wir immer denjenigen besonders feiern wollen, der irgend etwas zum ersten Mal gemacht hat«, schloß Ruprecht seinen Vortrag. »Ist es nicht ebenso bemerkenswert und, vom Menschlichen her gesehen, vielleicht noch viel anrührender, wenn jemand etwas zum letzten Mal vollbringt, und zwar nicht schwächlich, dekadent, blutlos, sondern im Vollbesitz aller Qualitäten, welche die Sache einstmals besessen hat?
Sie hatte noch ihr Schluchzen zu bekämpfen, aber sie war nicht mehr verzweifelt, sondern hatte offenbar die Notwendigkeit einer Trennung eingesehen und einen Entschluß gefaßt. »›Ich will ihn essen.‹ Das heißt, mit Toufik hat sie französisch gesprochen: ›Je veux le manger.‹« Marjorie staunte immer noch darüber. Was für ein Kind hatte sie geboren? »Damals habe ich die Herrschaft über sie verloren, das wußte ich sofort.«
»In der Malerei ist uns das selbstverständlich. Vermeers brieflesende Frau ist für den Betrachter von geisterfüllter Ruhe, vom Fenster links beschienen wie vom Licht der Offenbarung, und dieser Eindruck ist wahr, auch wenn in dem Brief nur Lügen und Gemeinheiten ständen. Und so ist auch unsere Tafel am Sommermittag beides, eine Art olympisches Göttermahl und zugleich Ort des Mißtrauens und der kaum verborgenen Abneigungen.«
Ihr stand der Sinn nach einem Experiment; auch Staaten geraten nach langen Friedensperioden in Versuchung, ihr Gewicht auf die Probe zu stellen.
»Wovon heute jeder spricht, vom Aufarbeiten, Analysieren, Sich-Auseinandersetzen, das ist alles lebensgefährlich. Man muß vom Ergebnis her denken: Will ich in dieser Ehe bleiben oder nicht? Und dann bleibt man oder bleibt man nicht und läßt das Vorgefallene beiseite und vergißt es« – wie sie auch wirklich die Gründe für die erste längere Trennung vergessen hatte.
Sie hatte sich in den letzten Wochen betragen wie eine ausgehungerte Ratte, die in eine gut gefüllte Speisekammer eingedrungen ist und sich dort nach Kräften satt frißt, über die Sättigung hinaus, bis sie zu dick geworden ist, um noch entfliehen zu können; die Speisekammer ist zu ihrer Falle geworden.
Gewisse Gedanken, einmal gedacht, hinterließen Narben, die gleichsam tastbar blieben, sobald eine stille Stunde Nachdenken zuließ.
Nachts, unter den Moskitoschleiern, gelangte sie in immer neuen Anläufen, ihr zerrissenes Innere in Worte zu kleiden, zu der Erkenntnis, daß es wünschenswert sein mochte, die Verbindung mit Damien zu beenden, aber daß nicht sie es sein konnte, die das unternahm. Und zwar einfach darum, weil sie dazu unfähig war. Am besten wäre es, wenn Damien stürbe.
ie Liste all dessen, was angesichts des Faktischen nicht ausgesprochen werden mußte, war nicht kurz: Von Max’ abschiedsloser Abreise aus der Chaumière bis zu seinem erneuten Auftreten waren fünf Monate vergangen. Ruprecht bestand die Prüfung. »Schön, daß du da bist. Bleibst du zum Essen?« Er hätte stolz auf sich sein können.
Es wurde unerträglich heiß, doch harrte er noch aus, denn nun war das Feuer bei ›Taube und Wildente‹ angekommen. Der zinnoberrote Punkt auf dem Schnabel der Taube hatte es angezogen, und nun veränderte das Bild sich in der Hitze. Es war wie in einem Entwicklungsbad für Photos, nur umgekehrt; das Stilleben verlor sich langsam ins Dunkle, wurde schwarz, löste sich aus dem Rahmen, die Vögel waren kurz noch einmal lebendig geworden, die zusammengeschnurrte Leinwand drehte sich spiralförmig und flog, vom Glutsturm getragen, in die Höhe.
Fazit
Ein streng gegliedertes Buch, sehr formal aufgebaut, geprägt von Symmetrie. In diesem Rahmen aufgespannt ist eine leichte Geschichte von großer Tiefe. Ein Ehepaar, Verleger und Kunstsammlertochter, leben in einer streng geordneten Welt. Als sie sich vor 12 Jahren fanden, hatten sie beide ihre großen Lieben und Leidenschaften bereits hinter sich.
Jeden Sommer verbringen sie in Marjories ererbtem Landhaus, der “Chaumière”, in der Provence, mit dem “Cezanne-Blick” auf die Montagne Sainte-Victoire. Dort leben sie strikt nach den Regeln, die Marjories Vater in seinem Testament gesetzt hat. Das alte portugiesische Paar Dos Santos ist Köchin und Gärtner, der englische Dekorationsmaler Damien ist schlampiger Verwalter. Paula, Stieftochter Ruprechts aus Marjories erster Ehe, ihr Partner und hoffnungsloser Pianist Max, ihre Tochter Nike. Zu ihnen gesellen sich diesen Sommer ein Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin aus Ruprechts Verlag.
Das Tableaux ist aufgebaut, alles ist wohlgefügt für die Ewigkeit. Niemand ist glücklich, alle sind zufrieden. Man hat sich arrangiert.
Nun beginnen die Überraschungen, zeigen sich die Risse. Marjorie schläft mit Damien, was Ruprecht unvermutet weiß, Ruprecht hatte eine Affäre mit Paula, was Marjorie nie wissen darf.
Max reist überstürzt ab, weil er Paulas Härte nicht erträgt. Es stellt sich heraus, niemand ist glücklich, niemand ist zufrieden. Man wagt Risiken, und als Ruprecht die Bedeutung eines Bildes erkennt, das Marjorie nie beachtet hat, entspinnt sich ein Streit.
Am Ende des Sommers bleibt Marjorie in der Provence, vorgeblich um die Erneuerung des Daches zu beaufsichtigen, deren Finanzierung der Verkauf des Bildes an Ruprecht ermöglicht. Ruprecht kehrt mit Paula und Nike nach Frankfurt zurück. Dort lebt er mit Paula das nur vor Nike verborgene Glück. Marjorie bleibt in der Provence und genießt die Freiheit mit Damien.
Mit der Trennung zerfällt alles. Damien war hinter dem Geld her, Paula und Ruprecht werden einander fremd.
Marjorie kehrt zurück nach Frankfurt zum Dreikönigsfest in der für Nike erstmals mit einem Weihnachtsbaum geschmückten Wohnung. Sie erzählt, wie La Chaumière von Sturzfluten zerstört wurde, und gemeinsam, nach dem Abendessen, erleben sie, wie auch die Wohnung in Frankfurt zerstört wird durch das Feuer des Christbaums.
Marjorie und Ruprecht sind wieder allein und zurück in ihrem natürlichen Nebeneinander.
Ein vollkommenes Buch, ein Meisterwerk.