Das Feld

Seethaler Robert, 2019

Klappentext

Wenn die Toten auf ihr Leben zurückblicken könnten, wovon würden sie erzählen? Einer wurde geboren, verfiel dem Glücksspiel und starb. Ein anderer hat nun endlich verstanden, in welchem Moment sich sein Leben entschied. Eine erinnert sich daran, dass ihr Mann ein Leben lang ihre Hand in seiner gehalten hat. Eine andere hatte siebenundsechzig Männer, doch nur einen hat sie geliebt. Und einer dachte: Man müsste mal raus hier. Doch dann blieb er. In Robert Seethalers neuem Roman geht es um das, was sich nicht fassen lässt. Es ist ein Buch der Menschenleben, jedes ganz anders, jedes mit anderen verbunden. Sie fügen sich zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem Bild menschlicher Koexistenz.

273 Seiten

Notizen

Als junger Mann wollte er die Zeit vertreiben, später wollte er sie anhalten, und nun, da er alt war, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie zurückzugewinnen.

schon am ersten Tag fragtest du mich im Lehrerzimmer, was mit meiner Hand los sei. Sie ist verkrüppelt, sagte ich, kann man nichts machen. Du hast sie genommen und angesehen. Dann zeigtest du aus dem Fenster und sagtest, siehst du den Baum dort? Seine Äste sind nicht verkrüppelt, sondern einfach nur krumm, und zwar deshalb, weil sie der Sonne entgegenwachsen.

Fünfzig Jahre später hieltest du immer noch meine Hand. Es kam mir vor, als hättest du sie nie losgelassen, und das sagte ich dir auch. Du lachtest und meintest, das stimmt, hab ich auch nicht!

»Es gibt auf dieser Welt Schafe und Wölfe, aber es gibt keine Wahl. Du kannst es dir nicht aussuchen, verstehst du? Es ist keine Entscheidung, es ist Schicksal. Aber du hast Glück: Du bist ein Wolf. Du bist stark und ausdauernd. Du wirst nicht gefressen. Du frisst. Niemand weiß, wie Wolfsfleisch schmeckt. Das Schicksal ist auf deiner Seite. Du bist einer von uns.« Ich war zehn, als Papa das zu mir sagte.

Ich sammelte Käfer, Fliegen und andere Insekten. Ich versuchte sie lebendig zu fangen und steckte sie in eine kleine Metalldose. Wenn man die Dose ans Ohr hielt, konnte man ihnen beim Sterben zuhören.

Mama und ich richteten das Begräbnis aus. Es war kein Abschied, es war eine Erledigung.

Ich wusste nicht mehr, was ich vorgehabt hatte. Ich glaube, ich wollte die Asche meiner Eltern über dem Gras ihres Gartens verstreuen. Ich dachte, sicher würde jemand in dem Haus wohnen, also würde ich schnell sein müssen, eine rasche Handbewegung im Wind. Aber es gab keinen Wind, keinen Garten und kein Haus. Es gab nur einen Parkplatz und die Hitze.

Mach dir keine Mühe, die richtige Frau zu finden. Es gibt sie nicht. Sobald du glaubst, die richtige Frau gefunden zu haben, wird sie sich als die falsche herausstellen. Immerhin kannst du versuchen, in der falschen so viel Richtiges zu finden, dass es Spaß macht. Das war es dann aber auch.

Vermutlich gibt es keinen Gott.

Wenn aber Gott nun doch aus irgendeinem Grunde existieren sollte (dafür spricht allerdings wirklich nicht viel), dann gibt es vielleicht auch eine Möglichkeit, die richtige Frau zu finden.

Die richtige Frau ist eine Frau mit Mut. Sie ist eine, unter deren Schritten man die Kiesel knirschen hört, noch ehe sie um die Ecke biegt. Eine, die mit einem Apfel eine Taube von der Dachrinne holen kann. Sie ist eine Frau mit einem gelben Rock und einer gehörigen Portion Verstand, mit einem viel zu lauten Lachen, roten Fingernägeln, aber naturbelassenen Zehen. Sie hat ein Messer in der Handtasche, einen Salzstreuer und einen winzigen aufklappbaren Aschenbecher aus Bronze; den Aschenbecher braucht sie, denn sie ist eine Frau, die filterlose Zigaretten raucht. Sie ist eine Frau mit Prinzipien, die sie nach Bedarf über den Haufen schmeißt. Eine, die mit der Faust gegen das Lenkrad schlägt, bis der Lack von den Fingernägeln splittert. Eine Frau, die es dich nicht wissen lässt; eine, die sich nicht schämt. Die im Kino heult, aber niemals, niemals, niemals auf ihre Figur achtet. Die ungeschälte Kartoffeln mag und insgeheim an die Mutter Gottes glaubt; eine, die sich um deine Angelegenheiten kümmert und noch viel lieber um ihre eigenen. Die richtige Frau ist eine, die weiß, was Liebe ist, und die es, wenn sie es eines Tages vergessen hat, kurz und schmerzlos macht.

Es könnte Krieg geben. Es gibt immer irgendwo Krieg, also warum nicht auch hier. Irgendwo sitzt immer irgendein Verrückter an einem Knopf und spielt daran herum. Und immer dauert es eine Weile, bis man erkennt, dass er verrückt ist. Und ich meine nicht verrückt wie Pfarrer Hoberg oder Richard Regnier, der manchmal nach Feierabend im Gras saß und mit den Vögeln redete. Ich spreche von wirklichem Irrsinn. Von einem Irrsinn, der Schlips trägt und polierte Schuhe. Von einem, der abends seinem Badezimmerspiegel zunickt und gar nicht mehr aufhören kann zu lachen, weil er weiß, er hat wieder gewonnen, denn er kann gar nicht verlieren, weil er nichts zu verlieren hat. Es ist der Irrsinn, dessen Finger schmal und kurz sind, zu klein, um einem anderen Mann wehzutun, aber doch gerade groß genug, um einen Knopf zu drücken. Vielleicht wird jemand diesen Irrsinn erkennen, aber dann wird es zu spät sein. Es könnte also Krieg geben. Und jetzt hör zu. Egal, was sie dir zuflüstern oder um die Ohren brüllen, womit sie dich ködern oder dir drohen: Es ist nicht dein Krieg. Du bist nicht auf der Welt, um zum Schluss irgendwo mit offenem Bauch im Matsch zu liegen. Es ist nicht dein Krieg.

Sie sagte: »Ich möchte, dass du dich entscheidest. Entweder du hörst auf oder du gehst.« Ich musste lachen. Es war ein wütendes Lachen, abgerissen und leise. Ich fühlte mich verraten. Plötzlich wurde mir heiß hinter der Stirn und ich spürte, wie sich meine Schultern anspannten. »Tu es nicht«, sagte sie leise. Sie sah auf die Hände in ihrem Schoß und schüttelte langsam den Kopf. An der Wand über der Stelle, wo ihre Großmutter immer gesessen hatte, tickte die Uhr. »Louise«, sagte ich. Da hob sie ihren Kopf und sah mich an. »Geh«, sagte sie. »Geh jetzt einfach, bitte.« Ich brachte kein Wort heraus. Aber was hätte ich auch sagen sollen? Erst dachte ich, wir könnten es vielleicht irgendwie schaffen, dann begriff ich, dass es zu spät war. Ich liebte sie, doch sie stellte mich vor die Wahl. Und das war absurd, denn es gab keine Wahl. Als ich die Tür hinter mir zuzog, hörte ich, wie sie drinnen aufschluchzte. Es war wie der Klagelaut eines Tieres, ein Geräusch, wie ich es nie zuvor gehört hatte.

Denn auch das ist die Wahrheit: Ich wollte dich. Man kann es nicht erklären. Es ist, als ob man in einen Fluss springt, obwohl man weiß, dass er zu einem Abgrund führt. So etwas kennen nur Selbstmörder und Verliebte. Ich wollte dich, und ich habe dich gekriegt. Ich bin gesprungen. Und es war schön, eine Zeitlang mit dir dahinzutreiben.

Und immer wieder Kinder. Hocken in Zimmern. Staunen hinter Gardinen. Kriechen durchs Gras. Richten sich auf, stemmen sich hoch, rutschen aus, fallen hin, schreien, heulen, lachen, machen es wieder und wieder. Die können das. Sind gesund und wissen nichts von ihrem Glück.

»Ich werde das Unbegreifliche dort draußen niemals mit Gott anreden. Und sollte ich es dennoch einmal tun, so liegt das an den Medikamenten, hast du verstanden?«

Wenn man alt ist, beginnt man zwar, hin und wieder etwas zu verstehen, aber es nützt einem nichts mehr.

Ohne Würde ist der Mensch ein Nichts. Solange es geht, sollte man sich selbst darum bemühen. Sobald es jedoch aufs Ende hin geht, kann einem die Würde nur mehr geschenkt werden. Sie liegt im Blick der anderen.

Der Tod meines Vaters war mir irgendwie falsch vorgekommen, eine einzige große Lüge. Was hatte die Tatsache, dass jemand mit zerschossenem Kopf in einem Schlammgraben liegengeblieben war, mit Heldentum zu tun? Und wenn jemand tatsächlich unersetzlich war, wie im Brief des Oberleutnants stand, wieso steckte man ihn dann in einen solchen Graben? Und warum war allenthalben die Rede vom Vaterland, wo doch die Väter schon lange nur noch verwirrt oder verkrüppelt oder überhaupt nicht mehr aus dem Schlamassel zurückkamen?

Fazit

Die Toten reden, über ihr Leben, über ihren Tod, das Ersehnte, das Erreichte, das Versagte. Ein wunderschönes, berührendes Buch.