Der Trafikant

Robert Seethaler, 2013

Klappentext

Österreich 1937: Der 17-jährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf, um in Wien als Lehrling in einer Trafik - einem kleinen Tabak- und Zeitungsgeschäft - sein Glück zu suchen. Dort begegnet er eines Tages dem Stammkunden Sigmund Freud und ist sofort fasziniert von ihm. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern. Als sich Franz kurz darauf Hals über Kopf in die Varietétänzerin Anezka verliebt, sucht er bei dem alten Professor Rat. Dabei stellt sich jedoch schnell heraus, dass dem weltbekannten Psychoanalytiker das weibliche Geschlecht ein mindestens ebenso großes Rätsel ist wie Franz. Ohnmächtig fühlen sich beide auch angesichts der sich dramatisch zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse. Und schon bald werden Franz, Freud und Anezka jäh vom Strudel der Ereignisse mitgerissen.

Notizen

Das Wasser war angenehm kühl. Alois schwamm mit ruhigen Zügen und schnaufte in die geheimnisvolle, dunkle Tiefe unter ihm. Als er ungefähr in der Mitte des Sees angelangt war, fielen die ersten Tropfen und nach weiteren fünfzig Metern schüttete es bereits wie aus Kübeln. Ein gleichmäßiges Prasseln lag über der Wasseroberfläche, schwere Tropfeneinschläge, dicke Regenschnüre, die die Schwärze des Himmels mit der Schwärze des Sees verbanden. Wind kam auf und wurde bald zum Sturm, der die Wellenkämme zu Schaum schlug. Ein erster Blitz tauchte den See für einen Augenblick in ein unwirkliches, silbriges Licht. Der Donner war ohrenbetäubend. Ein Krachen, das die Welt auseinanderzureißen schien. Alois lachte auf und planschte wild mit Armen und Beinen. Er schrie vor Vergnügen. Noch nie hatte er sich so lebendig gefühlt. Das Wasser um ihn herum brodelte, der Himmel über ihm stürzte zusammen, aber er lebte. Er lebte! Er bäumte seinen Oberkörper aus dem Wasser und juchzte in die Wolken hinauf. Genau in diesem Moment schlug ein Blitz in seinen Kopf ein. Eine strahlende Helligkeit füllte sein Schädelinneres aus, und für den Bruchteil einer Sekunde fühlte er so etwas wie eine Ahnung von Ewigkeit in sich aufsteigen. Dann blieb sein Herz stehen, und mit einem erstaunten Gesichtsausdruck und eingehüllt in einen Schleier zartglitzernder Luftbläschen sank er auf den Grund.

»Der wirkt eigentlich recht umgänglich, der Herr Professor!«, meinte Franz nachdenklich. Otto Trsnjek seufzte und hob noch einmal den Blick aus den Tiefen seiner Strichreihen. »Vielleicht wirkt er ja auf den ersten Blick umgänglich, aber wenn du mich fragst, ist er schon ein ziemlich trockener Knochen, trotz dieser ganzen Hirndoktorei. Außerdem hat er ein nicht unwesentliches Problem.« »Was denn für eines?« »Er ist ein Jud.« »Aha«, sagte Franz. »Und was soll das für ein Problem sein?« »Das wird sich noch herausstellen«, erwiderte Otto Trsnjek. »Und zwar bald!«

»Mit Frauen ist es wie mit Zigarren: Wenn man zu fest an ihnen zieht, verweigern sie einem den Genuss. Ich wünsche einen angenehmen Tag!«

Da spürte er plötzlich ihre Hand auf seinem Hintern. Sie hatte das Gewehr abgelegt und lächelte ihn an. »Schießen kannst ned, aber a scheenes Popscherl hast!«, sagte sie, und in diesem Moment war ihm klar, dass er verloren war.

Als nach genau sieben Zügen die Dachluke aufflog und drei Männer und eine Frau mit Hakenkreuzbinden, kurzen Totschlägern und mit vor Mordlust verzerrten Gesichtern aufs Dach gekrochen kamen, drehte er sich nicht einmal um. Er verlagerte sein Gewicht nach vorne, schnippte die Filterlose in die Tiefe und stürzte ihr hinterher.

Leider ist das schöne Auto vom Preininger beschlagnahmt worden. So nennt man das heute, wenn Sachen verschwinden und irgendwo anders wieder auftauchen. Wobei: Sehr weit ist das Auto nicht gekommen. Der Herr Bürgermeister fährt nämlich jetzt damit durch die Gegend. Seitdem der Herr Bürgermeister ein Nazi geworden ist, geht ihm vieles leichter von der Hand. Überhaupt wollen auf einmal alle Nazis sein. Sogar der Förster rennt mit einer leuchtendroten Armbinde im Wald herum und wundert sich, dass er nichts mehr schießt.

Wobei gerade dieser Kahlenberg natürlich kein Berg ist, dachte er weiter, zumindest kein ernstzunehmender Berg, wie es zum Beispiel der Schafberg ist, oder der Hochleckenkogel, oder gar das Höllengebirge. Im Salzkammergut würde der Kahlenberg höchstens als Hügel durchgehen, dachte er, wenn überhaupt. Eher als unwesentliche Erhebung, oder als Anhöhe, oder einfach nur als großer Erdhaufen mit ziemlich schütterem Waldbewuchs. Aber die Wiener denken da anders, dachte er weiter, für die Wiener gilt der Kahlenberg nicht nur als richtiger Berg, sondern noch dazu als der schönste, der höchste und als der vor allem an Sonn- und Feiertagen von der naturhungrigen Bevölkerung überrannteste Berg der gesamten Umgebung.

Und wenn der Kahlenberg auch nur die vom lieben Gott verpfuschte Nachbildung eines richtigen Berges war, war es doch irgendwie schön hier oben.

Franz wollte hinaus, ins Freie, an die Luft, in den Wald, auf den Berg, selbst wenn der Berg nichts weiter war als ein Erdhaufen am Wiener Stadtrand.

Wie viele Abschiede kann ein Mensch eigentlich aushalten, dachte er. Vielleicht mehr, als man denkt. Vielleicht keinen einzigen. Nichts als Abschiede, wo man auch bleibt, wohin man auch geht, das hätte einem jemand sagen sollen.

Fazit

Die Geschichte zweier Helden. Ein Buch, das nicht gut ausgeht, aber was kann man sich von einem Buch erwarten, das in Wien vor dem Anschluss beginnt und Monate nach dem Anschluss endet?