Fuchserde

Thomas Sautner, 2006

Klappentext

Schon seit ihrer Kindheit ist Frida der charismatische Mittelpunkt einer großen Familie. Angstlos nach dem frühen Tod ihrer Mutter, sorgt sie mit ihrer ungezähmten Art für Kopfschütteln bei den Bewohnern des kleinen Dorfes, in dem sie lebt. Kein Mann ist ihr recht, und kein Mann kann ihr widerstehen. Frida ist eine Jenische – Angehörige eines beinahe in Vergessenheit geratenen fahrenden Volkes. Über Generationen hinweg haben ihre Vorfahren schon im “Biberling”, den kalten Monaten, ihre einfachen Hütten bewohnt, um dann im “Hitzling”, in dem die Sonne zunehmend an Kraft gewinnt, wieder mit ihren Pferdewagen loszuziehen.

Es ist ein rau-romantisches Leben, das Frida und die Ihren führen, mit dem Sternenhimmel als Dach, geheimnisvollen Geschichten am Feuerplatz und einer Sprache, die den Sesshaften Rätsel aufgibt. Ihren Lebensunterhalt verdienen die Fahrenden noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts als Scherenschleifer, Besenbinder, Pfannenflicker, als Wahrsagerinnen oder als Kräuterfrauen. Sie fühlen sich frei wie der Wind. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten aber setzt eine dramatische Zäsur im Leben der Familie, die versucht, der Vernichtung zu entrinnen: mit Hilfe uralten Wissens, schier waghalsigem Humor und unbändiger Kraft.

Thomas Sautner erzählt die Geschichte zweier Familien, deren Schicksale durch die Liebe ihrer Kinder miteinander verknüpft werden und deren Alltag vom tiefen Verstehen der Natur geprägt ist, von wunderbaren Weisheiten und vom Leben mit den Jahreszeiten. Das nördliche Waldviertel, mystisch-schön mit seinen ausgedehnten Wäldern, dunklen Teichen, tiefen Mooren und den Jahrmillionen alten markanten Restlingen aus Granit ist dabei mehr als bloß der Schauplatz eines grossen Familienromans.

Notizen

Nach dem Tod des Großvaters verlor Luca keine Zeit. Er packte seine Siebensachen und dann tat er das, was ihm sein Großvater als letzte Aufgabe mitgegeben hatte: Er brannte die Hütte ab, mitsamt dem Leichnam seines Großvaters darin. Die Gadsche sollten nichts von ihm finden, kein Härchen und keinen Fetzen Gewand. Lucas Großvater wollte nicht, dass sie sich hermachen über seinen leblosen Körper, er wollte nicht, dass sie sich mit ihm beschäftigen und so seine Seele stören, wenn sie gerade auf der großen Reise ist. Aus diesem Grund riet der Großvater seinem Enkel auch, sich niemals fotografieren zu lassen. »Ein Foto ist wie ein Teil von dir«, warnte er Luca. »Ebenso könntest du deine abgeschnittenen Fingernägel oder Haarbüschel von dir unachtsam liegen lassen. Und du weißt doch: Nichts ist einfacher, als dich mithilfe solcher Mittel zu verhexen. Lass dir nur ja nicht die Seele rauben!«

Früher, mein kleiner, schlauer Fuchs, da haben die Menschen an eine Unzahl von Göttern geglaubt. Später begnügten sie sich mit einem Gott und stellten dem dann doch noch den Teufel zur Seite. Heute nennen sie ihren Gott Vernunft oder Intelligenz. Und je konsequenter sie an diesen neuen Gott glauben, desto weniger merken sie, dass das ihre bisher größte Illusion ist. Und die bisher gefährlichste obendrein, da sie sich noch nie auf einen Gott so sehr verlassen haben wie auf diesen.

Wenn du weißt, dass es Gott gibt, wird es ihn für dich geben. Wenn du weißt, dass der Bach, die Steine, die Pflanzen und die Tiere mit dir sprechen, werden sie mit dir sprechen und du wirst sie verstehen. Wenn du weißt, dass das Glück in dir ist, und nur in dir, wird es in dir sein. Es wird alles tatsächlich sein. Nicht nur in deinem Glauben, nicht nur in deiner Einbildung. Es wird wahr sein und du wirst es begreifen. Du wirst eins sein mit dem göttlichen Kosmos, dessen Teil du bist. Glaubst du aber nicht daran, weißt du es nicht, wird es nicht sein. Gehst du achtlos vorbei, suchst du dich außerhalb deiner selbst, wirst du dich nicht finden. Dann gibt es all das nicht. Dann träumst du nur davon.

Das Fleisch duftete nach Wacholderbeeren und Kraft, nach Thymian und Leben, nach Rosmarin und Glück.

Wenn du jemals das Gefühl hast, mein kleiner, schlauer Fuchs, etwas tun zu müssen, gleich wie ungewohnt es ist, dann tu es. Tu es unbedingt, mein kleiner, schlauer Fuchs. Denn manche Möglichkeiten kommen nie wieder. Nie wieder im Leben.

Während des Nationalsozialismus gab es zudem das Gesetz zur »Verhütung von erbkrankem Nachwuchs«. Auch die Jenischen waren davon betroffen, da das Vagabundieren als vererbbarer Defekt galt.

Der Zweifel eint die Menschen, mein kleiner, schlauer Fuchs, und die Überzeugung trennt sie. Hüte dich vor jenen Menschen, die ihre Überzeugung vor sich hertragen wie ein Zepter. Denn sie werden nicht zögern, auf andere damit einzuschlagen.

Der Sinn des Lebens ist, das Leben sinnvoll zu leben. Das bedeutet, jeden Augenblick in der Wahrheit und in der Wirklichkeit zu leben.

Wenn du dich zwischen zwei Lösungen zu entscheiden hast, bedenke die dritte. Wenn du wählst, vermeide die Dinge, die das Leben verschleißend machen. Wenn du das Glück suchst, vergiss nicht, es wohnt nirgendwo anders als in dir und nur in dir. Wenn du die Traurigkeit vertreiben willst, folge dem Bach, beobachte die Vögel und lausche dem Konzert des Windes im Wald. Wenn dich dein Herz nicht loslässt, es dich drängt und dir befiehlt, folge ihm. Wenn du verliebt bist, liebe. Wenn du nicht mehr weißt, wohin du sollst, erinnere dich, woher du kommst.

Fazit

Ein Buch voller Lebensweisheiten, ein schönes, ein rührendes, ein erschreckendes Buch. Große Literatur ist das nicht, dafür ist die Sprache manchmal zu platt, dafür gibt es zu viele banale Stehsätze.

Die Perspektive ist streng die des erzählenden jenischen Urgroßvaters. Wenn von Magie die Rede ist, ist sie wirklich. Aus dieser Position sind Religion und Tradition dem intellektuellen Streben und der Wissenschaft vorzuziehen.

Das kann man teilen oder nicht, aber das Buch zeigt stimmig die Perspektive der verlorenen jenischen Welt, einer Welt, zu deren Vernichtung niemand das Recht gehabt hat.