Hier im Regen

Lorenz Langenegger, 2009

Klappentext

Drei Tage aus dem Leben eines Schweizer Sonderlings. Sie werden dennoch das Buch nicht aus der Hand geben wollen.Seit Robert Walsers Figuren ist wohl keiner das Selbstverständlichste, um nicht zu sagen Allergewöhnlichste auf ebenso behutsame wie bohrende Weise zum Problem geworden wie Jakob Walter, der seine Arbeit in Bern bei der Steuerverwaltung hat. Ja, Bern zum Beispiel, warum seit Jahren schon Bern? Und wo ist sein Freund Rolf, der Wirt? Wirklich ertrunken? Und was nun tun an diesem Nationalfeiertag, nachdem Edith zu ihren Eltern gefahren ist? Rolf suchen?Steuerverwaltung, Schweizer Nationalfeiertag, Edith bei den Eltern – unspektakulärer kann das Setting eines Romans kaum sein, um nicht zu sagen – langweiliger. Aber von wegen: Einlässlicher, mitfühlender, um nicht zu sagen kurzweiliger ist sehr lang nicht vom Leben eines Menschen erzählt worden, und endlich einmal nicht, indem man es ins Komische verschiebt. Lorenz Langenegger erweist sich in seinem ersten Roman als ein höchst aufmerksamer Begleiter seines Alltags-Helden. Es sind die Momente der Verstörung, der Sehnsucht und des Trostes, mit denen der junge Autor seinem Jakob Walter die Seele gibt, die dieser sich selber kaum zugestanden hatte.Dies ist ein Buch, das zu Herzen geht und dort auch bleibt.

158 Seiten

Notizen

Die ersten Jahre hat er einfach so in Bern gewohnt und gearbeitet, niemand hat danach gefragt, weshalb oder ob er gerne in Bern lebt. In letzter Zeit aber ist das Unbehagen gewachsen und hat sich gestern Abend schließlich in einer Frage formuliert, die ihm nicht mehr aus dem Kopf geht.

Rolfs Kneipe ist 365 Tage im Jahr geöffnet. Rolf schenkt Bier aus, wann immer die Leute Bier trinken. Und weil die Leute immer Bier trinken, zumindest diejenigen, die bei ihm verkehren, ist die Kneipe täglich geöffnet. Er schert sich nicht um Feiertage oder Sonntage, um den Nationalfeiertag schon gar nicht. Energisch unterbindet er jede patriotische Regung am Stammtisch und an der Theke. Nationalismus widerspricht der wichtigsten seiner Hausregeln: keine Politik. Die einzige Ausnahme bilden die Kurden, die sich regelmäßig bei ihm treffen. Er weiß zwar, dass sie sich auf kommunistische Ideale berufen, versteht aber kein Wort von ihren Diskussionen.

Der Mensch ist ein Landlebewesen. Er fliegt nicht. Er schwimmt nicht. Er geht zu Fuß. Es hat Jahrtausende gebraucht, bis der Mensch sich den aufrechten Gang beigebracht hat, seine größte Errungenschaft, die alles andere erst möglich machte. Es gibt keinen Grund, diesen aufrechten Gang wieder preiszugeben, schwimmend kommt der Mensch in seiner Entwicklung nicht weiter.

Die Entscheidung, eine zweite Nacht am selben Ort zu bleiben, ist eine Entscheidung gegen das Abenteuer.

Walter will nicht weiter über seine Reise reden. Es ist ihm unangenehm, wenn er gezwungen wird, Handlungen zu erklären, für die es keine Erklärung gibt. Er ist nach Locarno gefahren. Er hat vergeblich versucht, ein Halbpreisabonnement zu kaufen. Er hat mit einer Polizistin telefoniert. Rolf ist verschwunden. Er hat Ruth getroffen. Er hat zwei Kindern ein Abzeichen abgekauft. Er ist von Moser auf ein Picknick an der Aare eingeladen worden. Er hat im Briefkasten vergeblich nach der Zeitung gesucht. Aber darüber, wie das alles zusammenhängt, möchte er lieber nicht reden.

Fazit

Die kurzweilige Geschichte eines Langweilers, erster Teil.

Edith ist drei Tage bei der kranken Mutter, Jakob Walter (eigentlich irritierenderweise im Buch immer nur Walter genannt) will den Kneipenwirt Rolf besuchen, von dem er denkt, dass sie Freunde wären, aber der ist verschwunden, wahrscheinlich ertrunken in der Aare. Nun stehen also zwei Fragen an, wo ist Rolf und gibt es Hoffnung, sowie die Frage, wieso Walter eigentlich in Bern wohnt.

Ein spontaner Kurzausflug nach Locarno soll klären, endet aber nur in einer hastigen Rückkehr. Walter verwischt seine Spuren, fischt eine alte Pizzapackung aus dem Altpapier und legt sie zuoberst auf den Stapel. Edith kann kommen, alles ist wieder wie es war.

Nicht gerade ein Reisser, aber ein solides, kurzes Buch, das Lust auf seine ebenso kurze Fortsetzung macht.