Lorenz Langenegger, 2014
Klappentext
Noch einmal versucht der Held dieser einfühlsamen Erzählung, seinem alltäglichen Dasein zu entkommen: Er bricht auf, lässt sein Leben hinter sich (glaubt er) und kommt bis ans Ende der Welt. Fünf Jahre ist es her, dass Jakob Walter den Ausbruch aus seinem Leben wagen wollte. Zwei Tage später war er wieder zurück, und auch wenn er noch immer nicht wusste, was er eigentlich in Bern verloren hatte, er hatte immerhin eine sichere Anstellung: in der Steuerverwaltung. Und da war ja auch noch Edith, seine Frau. Die ihn nun nach zehn Jahren verlassen hat. Damit er nicht alleine zurückbleibt, geht er selbst auch, packt seinen Rucksack, wirft die Schlüssel in den Postkasten und - und weiter? Er macht sich auf den Weg, aber was sucht er? Haben es die anderen denn gefunden: Jonas zum Beispiel, der seine Arbeitslosigkeit zum Beruf macht, oder Natalia, die ein Hotel erbt, in dem es nur eine Toilette gibt? Aber hey, er hat immerhin einen Weggefährten - und er hat den mitfühlendsten, verständigsten und aufmerksamsten Begleiter wohl in Lorenz Langenegger selbst, der seinen Helden am Ende in Griechenland stranden lässt. Dort weiß man freilich erst recht nicht, ob man jetzt am Ende angekommen ist oder wieder am Anfang steht, wo noch einmal alles möglich ist.
141 Seiten
Notizen
Um halb zwei Uhr morgens ist es Gewissheit. Jakob Walter erhebt sich vom Sofa, schließt die Wohnungstür ab, zieht den Schlüssel aus dem Schloss und legt sich ins Bett. Edith kommt nicht nach Hause.
In ihrer leichten Sommerjacke und mit der Handtasche über der Schulter warf Edith, bevor sie aufbrach, einen Blick in die Küche, wo Walter von seinem Honigbrot abbiss, ohne Appetit, aber das wollte er sich und Edith nicht eingestehen, weshalb er umso herzhafter kaute. Sie schaute ihn an und gab ihm mit ihrem Zögern, in dem sich ihre Blicke trafen, noch eine Chance zurückzunehmen, was er ihr verächtlich hingeworfen hatte. Walter wollte etwas Versöhnliches sagen, zumindest legte er sich die Situation im Nachhinein so zurecht. Er war drauf und dran, sich zu entschuldigen, aber erst musste er den eingespeichelten Bissen Honigbrot schlucken, der langsam wie ein Kloß durch seine Speiseröhre glitt, und als er die engste Stelle endlich passiert hatte, war es zu spät.
Walters Telefon vibriert. Edith hat verstanden, dass seine Nachricht nach einer unmittelbaren Antwort verlangt. Auf seinen halb entschuldigenden, halb vorwurfsvollen Versuch vom Vortag hat sie zu Recht nicht geantwortet. Im entscheidenden Moment aber kommt ihre Reaktion innerhalb von Minuten. Viel Glück.
Zehn Wörter von ihm und zwei von Edith haben gereicht, um sie in eine Sackgasse zu manövrieren. Wenn er anständig bleiben will, gibt es nichts, was er ihr antworten kann.
Er liebte Edith in dem gesunden Bewusstsein, dass übersteigerte Erwartungen zu Enttäuschungen führten.
Es ist kein Zufall, sondern nur klug, dass die Menschheit die großen Gefühle schon immer an die Geschichten abgetreten hat, die sie sich erzählt, denkt Walter. Aus Kämpfen geht niemand unversehrt hervor, auch nicht die Gewinner.
Aber wenn sie sich tatsächlich so lange etwas vorgemacht haben, worin unterscheidet sich das dann von einer echten Beziehung? Am Anfang steht der Wunsch, auf ihn folgt die Behauptung, und die Behauptung führt schließlich zum Resultat. Junge Menschen brauchen mehrere Jahre, in denen sie so tun, als ob sie erwachsen sind, um es zu werden. Auch der Anfang einer Beziehung ist nichts anderes als eine große Behauptung. Die Verliebtheit macht es zwei Menschen leicht, einander zu glauben, dass es niemanden gibt, der ihnen näher steht, dass sie alles teilen wollen. Es wird ein Zustand beschworen, der sich erst nach vielen Jahren einstellen kann. Eine Beziehung braucht den Glauben daran. Ohne dass sich zwei Menschen glauben, was sie sich gegenseitig vormachen, halten sie es nicht lange miteinander aus.
Ein junger Mann geht über den Platz. Aus dem Telefon in seiner Hand dringt der verzerrte Klang einer arabischen Melodie. Die Knie und Unterschenkel, die aus der abgeschnittenen Hose ragen, sind erschreckend dünn. Walter glaubt, seinen Schritten die Ziellosigkeit anzusehen. Vielleicht ist er des Wartens hinter dem Gitterzaun am Hafen überdrüssig geworden. Das Gehen ist die einzige Abwechslung an einem ereignislosen Tag. Er hat die Kapuze seines Pullovers über den Kopf geschlagen, obwohl es dafür schon am Morgen zu warm ist. Indem er sich von den anderen entfernt und aus dem Schutz der Gruppe löst, geht er das Risiko ein, als Individuum erkannt zu werden. Weil das in seinem Fall mit großer Wahrscheinlichkeit bedeuten würde, erkennungsdienstlich behandelt zu werden, ist es ihm lieber, nicht als Individuum in Erscheinung zu treten. Die Melodie, die aus seiner Faust dringt, ist das letzte Stück Heimat, das er sich bewahrt hat, denkt Walter. Die Akkorde erinnern ihn daran, wer er ist und woher er kommt. Walters Telefon kann so etwas nicht. Es piepst, wenn eine Nachricht eingeht, und es vibriert und klingelt, wenn er angerufen wird. Er überlegt sich, welche Musik bei ihm ein Gefühl von Heimat auslösen würden.
Er will keine Spuren hinterlassen, denkt Walter, während er aus dem Fenster des fahrenden Busses schaut und einen Blick auf den Kanal von Korinth erhascht. Das Fährenticket wurde auf seinen Namen ausgestellt. Im Hotel in Athen übertrug der Rezeptionist in schwer leserlicher Schrift die Angaben aus seinem Pass in den Formularblock. Gleiches hatte Natalia in Patras gemacht. Beim Kauf der Fahrkarte am Busbahnhof hat ihn niemand mehr nach seinem Namen gefragt. Und solange er sein Telefon nicht auflädt und sich mit der Antenne einer lokalen Telekommunikationsgesellschaft verbindet, kann er nicht geortet werden.
Die Rückkehr, denkt Walter, vorgestern war sie noch ein konkreter Plan, am Sonntag würde er in Bern ankommen, dann hat sich William neben ihn gesetzt und von der Mani geschwärmt, jenem sagenumwobenen Landstrich auf dem Peloponnes, und heute ist die Rückkehr nur noch eine vage Ahnung, die Vermutung, dass er irgendwann zurückfährt, weil sich alle anderen Möglichkeiten im Dunst der Unvorstellbarkeit verlieren.
Junge Menschen glauben, dass sie alles aufs nächste Mal verschieben können. Woher kommt diese Zuversicht? Habt ihr keine Vorstellung davon, was bis zum nächsten Mal alles passieren kann?
Es reicht nicht, dass er sich selbst in den Arm kneift, dass er seinen Herzschlag im Hals spürt. Er braucht ein anderes Wesen, das ihm bestätigt, dass mit der Realität um ihn herum alles in Ordnung ist, dass er nicht aus der Welt gefallen ist und bis in alle Ewigkeit auf einem verlassenen Busbahnhof im Schatten sitzen wird.
Der Schreck fällt von ihm ab und macht der Erleichterung Platz, diesem euphorischen Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein, egal wie unbedeutend und unwirklich die Bedrohung war.
Erst hier, in diesem Bus, der eine schwarze Rauchwolke zurücklässt, als er auf die Überlandstraße einbiegt, auf dieser durchgesessenen Sitzbank beginnt das, wofür er aufgebrochen ist.
kann es an allem erkennen, was um ihn herum ist, an den fleckigen Vorhängen, die ihn vor der Sonne schützen, an der Frontscheibe, die von Heiligenbildern eingerahmt ist, an den kräftigen Armen der Fahrerin, die die Ärmel ihres Uniformhemds abgeschnitten hat, an den alten Frauen, die den Gang mit Einkaufstaschen zugestellt haben, an Hey, der seine Zunge in die Zugluft hängt, an der Tür, die während der Fahrt offenbleibt, und vor allem an sich selbst, der von allem befreit ist, was nicht in seinen Rucksack passt.
William hat ihm an seinem Finger gezeigt, wo es in die Unterwelt hinabgeht. Da will er hin, der glühende Punkt auf der Zigarettenspitze zieht ihn an. Er fühlt sich so lebendig, dass er sich dem schwefligen Hauch des Hades furchtlos aussetzen kann. Hey bettelt um ein weiteres Würstchen. Walter lässt ihn einige Luftsprünge vollführen, bevor er es ihm überlässt.
Edith hat ihn verlassen. Er hat Bern verlassen. Bis vor wenigen Minuten gaben ihm diese beiden Tatsachen eine Richtung vor. Aber hier, an der Südspitze des Peloponnes, ist ihm die Orientierung abhandengekommen.
Walter ist schon seit Jahren nicht mehr hingefallen. Kinder stolpern ständig über ihre eigenen Füße oder vergessenes Spielzeug und schlagen sich die Knie auf. Alte Menschen verfehlen mit dem Gehstock den Randstein oder rutschen im Winter auf dem Glatteis aus. Ihre Knochen brechen leicht, und die Heilung ist ein langwieriger Prozess. Damit ein erwachsener Mensch hinfällt, braucht es viel. Einmal geriet Walter die volle Einkaufstasche zwischen die Speichen seines Rads. Er prellte sich das Knie. Ein Himbeerjoghurt platzte auf dem Asphalt auf. Obwohl es auf der Landstraße nach Kalamata genügend Schlaglöcher gibt, um mit beiden Füßen gleichzeitig umzuknicken, wird Walter nicht hinfallen, wenn er in seinem Rücken ein Motorengeräusch hört. Er wird am Straßenrand stehen, die Hand heben und hoffen, dass er mitgenommen wird.
Fazit
In “Hier im Regen” war es nur der zaghafte Versuch, zu sehen, wie eine Zäsur aussehen könnte – und Jakob Walter ist zurückgezuckt, wieder hineingefallen in seine perfekt unveränderliche Existenz. Er würde nie etwas ändern. Bis, ja, bis Edith ihn verlässt.
Zuerst ist er hilflos. Im Reflex fährt er zum Nachdenken und in der Hoffnung, ein Gespräch mit seinem alten Freund Marcel würde ihm helfen, nach Zürich, aber Marcel ist nicht da. Stattdessen trifft er auf einem Friedhof Jonas, einen Freund Marcels. Dieser rät ihm, nach Italien zu fahren. Italien fühlt sich aber sofort falsch an. Italien kennt er mit Edith. Das nächste Edith-freie Land ist Griechenland, und so fährt er mit der Fähre von Ancona nach Patras, noch mit dem fixen Vorsatz, nach einer Woche wieder bei der montäglichen Morgenbesprechung an seinem Arbeitsplatz zu sein.
In Patras trifft er Natalia, die schöne Hotelbesitzerin mit schweizer Vergangenheit. Weil er schon da ist, fährt er nach Athen, und dort trifft er William, der ihm von Mani erzählt, dem schönsten Ort der Welt. Den will er sehen, denn er will nichts mehr verschieben. Er weiß, dass er nicht rechtzeitig zurückkehren wird um seiner Entlassung zu entgehen, aber er kann nicht anders, als diesen Weg zu gehen.
Ein Hund, den er Hey nennt, schließt sich ihm an. Am Weg zum Leuchtturm an der Südspitze Manis ist er noch glücklich, aber dann erkennt er, dass jede Reise eine Rückreise nach sich zieht. Er ist enttäuscht, Hey hat ihn am Leuchtturm verlassen und ihn packt eine existenzielle Angst.
Das Buch zeigt Walter am Wendepunkt in seinem Leben. Er hat endlich eine Entscheidung getroffen und nichts wird mehr so sein wie zuvor. Das Buch lässt es offen, aber vielleicht hat er sich gefunden.