Die Tage zwischen früher und jetzt

Lorenz Langenegger, 2026

Klappentext

Die Welt steht still. Wann sonst sollte man den Sprung in ein neues Leben wagen? In den entscheidenden Momenten seines Lebens hat Jakob Walter immer eine Reise getan, ins Tessin, nach Griechenland, nach Australien. Nun will er durch Norditalien wandern, denn er hat Zeit: Er hat seinen Job verloren. Doch ausgerechnet in diesem Frühling fahren keine Züge und die Grenzen werden geschlossen. Also bleibt er zu Hause und geht in Bern Stationen seiner Vergangenheit ab, um herauszufinden, wo seine Zukunft liegen könnte. Es wird etwas Neues beginnen, auch wenn er noch nicht weiß, was und mit wem. Klar ist nur, er steht direkt davor. Vielleicht nur zu nahe, um es gleich erkennen zu können.

143 Seiten

Notizen

Der Wohlstand wuchs Jahr für Jahr. Es gab Versicherungen für alle Lebenslagen. Die Hoffnung war, dass es nicht schlechter würde, und das einzige Versprechen, das noch zog, war, dass es wieder wie früher wurde. Aber niemand konnte Jakob sagen, um welches Früher es dabei ging.

Jedenfalls, so viel war klar, war damals alles besser gewesen. Aber wie konnte das sein, dachte Jakob, wenn es seither gar nie schlechter geworden war.

Auf der Reise nach Griechenland hatte er ein Stück von sich selbst verloren. Er konnte nicht benennen, was es war, damals und heute nicht. Es war nicht die Unschuld, auch nicht die Arglosigkeit, vielleicht am ehesten die Unerschütterlichkeit. Er wusste seither, dass es für nichts eine Garantie gab.

Es ist jemand eingestiegen. Drinnen waren Abdrücke von Turnschuhen, Größe 44. - Ich habe 42. Jakob zeigte seine Schuhsohle. Der Mann lachte. Das Eis zwischen ihnen war gebrochen. - Meine Frau behauptet, ich hätte den Einbruch nur erfunden, weil mir langweilig war. - Und die Scheibe selbst eingeschlagen? - Sie behauptet, dass Menschen in Extremsituationen Dinge tun, an die sie sich nicht erinnern. - Und sie glaubt, dass Langeweile ein solches Ausmaß annehmen kann? Der Mann fuhr mit dem Finger über die abgeklebte Scheibe. War er selbst nicht sicher, ob seine Frau recht hatte? Jakob musterte die Schuhe des Manns. Die Größe könnte passen.

Dass der Mensch sich selbst nicht entkam, war ein Trost, dachte Jakob, eine Entschuldigung aber durfte es nicht sein.

Eine Krähe landete auf dem Kiesweg vor Jakob. Sie neigte leicht den Kopf und fixierte ihn mit einem ihrer schwarzen Knopfaugen. Was hielt sie von ihm? Er fühlte sich aufgefordert, ihr etwas zu geben, ein Stück trockenes Brot oder eine Nuss, aber er hatte nichts. Vielleicht verwechselte sie ihn, dachte er. Krähen waren intelligent, sie erkannten sich selbst im Spiegel, bestimmt konnten sie auch Menschen unterscheiden. Sie hüpfte auf die Rückenlehne der Bank und machte seitwärts zwei, drei Schritte von ihm weg, als ob sie darauf achten würde, dass der Abstand zwischen ihnen größer als eine Armlänge blieb, dann wetzte sie den Schnabel am Holz. War es eine Form der Kommunikation? Oder putzte sie den Schnabel? Sie schaute ihn mit einem Auge an. Was sah sie mit dem anderen? Konnte das Gehirn der Krähe zwei Bilder gleichzeitig verarbeiten? Konnte sie zwei Gedanken haben? Mit einem Auge sah sie ihn und fragte sich, wo die Nuss blieb, mit dem anderen beobachtete sie eine Artgenossin, die am Fuß des Hügels länger als gewöhnlich in der Wiese stand. Bestimmt hatte sie etwas zu fressen gefunden. Lohnte es sich, hinzufliegen? Die Krähe stieß sich mit den Füßen von der Bank ab, breitete die Flügel aus und schwebte einige Meter den Hang hinunter, bevor sie mit kräftigen Flügelschlägen an Höhe gewann und Richtung Strommast abdrehte.

Er wechselte die Straßenseite und ging an seinem Haus und den Gärten vorbei, als ob sie nichts mit ihm zu tun hätten. Das Gefühl, das sich dabei einstellte, gefiel ihm. Er könnte hier genauso gut nicht wohnen und nur ein zufälliger Passant sein, ein Spaziergänger ohne Hund. Er schaute nicht zurück, als er um die Ecke bog.

Zeit zu sparen, war ein Antrieb, in den die Menschheit einen beträchtlichen Teil ihres Erfindungsgeists steckte, um immer weniger selbst machen zu müssen. Und das, obwohl die Menschen gerade darin am schlechtesten waren, nichts zu tun.

Jakob wartete lieber ab, ob sich etwas Neues bewährte, bevor er sich damit vertraut machte. Rolf hatte darüber den Kopf geschüttelt. Wenn Jakob das Feuer erfunden hätte, er hätte so lange gewartet, bis es wieder erloschen wäre, um dann zu behaupten, dass es nicht funktionierte.

Jakob hätte vermutet, dass es eine akribisch geplante Handlung war, wenn man seinem Leben ein Ende setzen wollte, aber offenbar irrte er sich, der Affekt spielte eine entscheidende Rolle. Und in Momenten der Verzweiflung waren Netze sicherer als Telefonnummern. Vielleicht hatten die Leute gar nicht den Wunsch zu sterben, sie wollten nur nicht weiterleben wie bisher? Und für manche war es vermutlich so schwierig, sich ein anderes Leben vorzustellen, dass das Ende einfacher schien als die Veränderung.

Vergeblich, dachte Jakob, jede Generation scheiterte auf ihre Weise.

Er glaubte nicht an das Schicksal. Es gab keinen Weg, der für ihn vorgezeichnet war, das Leben war keine Aneinanderreihung von Prüfungen und Belohnungen. Es gab keinen Grund, weshalb es das Schicksal ausgerechnet mit ihm gut oder schlecht meinen sollte. Jakob fragte sich, woran er glaubte. Auf den Zufall zu vertrauen, war ein Prinzip, aber kein Glaube. Der Zufall gab keinen Halt, an ihm konnte man sein Leben nicht ausrichten, er war höchstens ein Trost. An nichts zu glauben aber, war genau so schwierig, wie an nichts zu denken. Er glaubte an den Nutzen der Medizin, an den Apfel, der vom Baum fiel, an die Erde, die sich drehte, an den Urknall. Und er glaubte an Raum und Zeit, obwohl sie relativ waren. Konnte man an etwas glauben, das man nicht verstand? Oder vielleicht nur an das?

Er hob die Hand, obwohl er nicht sicher war, ob Amir ihn sehen konnte. Vielleicht schaute er nur zufällig in seine Richtung. Aber ob sie einander sahen, war nicht entscheidend, dachte Jakob. Er konnte darauf vertrauen, dass Amir ihm die Tür öffnete, dass er ihn willkommen hieß, dass er ihm half, wenn er Hilfe brauchte, und in Ruhe ließ, wenn er allein sein wollte. Und Amir wusste, dass Jakob da war, irgendwo da draußen in der dunklen Stadt, in die er als Fremder gekommen war und die nie ganz seine Stadt sein würde, obwohl er nun schon so lange hier wohnte, sich hier verliebt hatte und ein Kind großzog.

er hatte endlich sein richtiges Alter erreicht, dachte er, das Alter, das ihm entsprach. Er war schon immer Mitte vierzig gewesen, schon vor fünfundzwanzig Jahren, als er Edith kennengelernt hatte. Er war Mitte vierzig gewesen, als Rolf in der Aare verschwunden war und als Edith ihn verlassen hatte. Er war mit Mitte vierzig nach Griechenland gereist, um zu sich zu finden, und nach Australien, um Edith, die schon seit fünf Jahren seine Exfrau war, zu suchen. Wenn er die letzten fünfundzwanzig Jahre nicht jünger gewesen war, konnte er sich dann darauf verlassen, dass er die nächsten fünfundzwanzig Jahre nicht älter wurde?

Obwohl er eben noch der Überzeugung gewesen war, dass er sich zum ersten Mal in seinem Leben mit Knieproblemen plagte, tauchten plötzlich einzelne Bilder auf, vage Erinnerungen. Es war unheimlich. Wenn es möglich war, dass er den Schmerz komplett aus seinem Gedächtnis gestrichen hatte, was hatte er in seinem Leben noch alles vergessen?

- Und jetzt? - Kaffee. Die Tassen standen auf dem Tisch. Jakob nahm die Maschine vom Herd und schenkte ihnen ein. Sie konnten den Blick nicht voneinander lassen, auch nicht, als sie die Tassen zum Mund hoben. - Und dann? - Dann werden wir zusammen alt. Dunja verzog keine Miene. Wollte sie, dass er merkte, wie ernst es ihr war? Oder brach sie gleich in Lachen aus? - Sind wir schon alt genug, um alt zu werden? Dunja stand auf, gab ihm einen Kuss und drückte sich an ihm vorbei. Sie verschwand im Badezimmer, ohne seine Frage zu beantworten. Durch die angelehnte Tür hörte er, wie sie in die Wanne stieg und den Duschvorhang zog. Sie könnten auch ein neues Leben beginnen, dachte er. - Wir könnten ein neues Leben beginnen. Dunja drehte das Wasser auf. Hatte sie ihn gehört? Wollte sie ihn nicht hören, weil ein neues Leben zu groß war für den ersten Morgen? Aber gemeinsam alt werden, war das nicht noch größer? Er hatte keine Vorstellung davon, was es bedeutete, alt zu werden oder ein neues Leben anzufangen. Nicht zu lange nachdenken, ermahnte er sich. Gestern war es gut gewesen. Heute war es gut. Vielleicht würde es morgen auch gut sein. Er musste sich auf das Wesentliche konzentrieren, auf den Moment, das Frühstück. Brot, Butter, Käse, Honig, er deckte den Tisch. Alles sollte bereit sein, wenn Dunja aus der Dusche kam.

Fazit

Zehn Jahre sind seit den Ereignissen in "Bei 30 Grad im Schatten" vergangen. Aus Walter ist endlich Jakob geworden. Vor fünf Jahren ist er nach Australien gereist um Edith zu finden. Nicht ihretwegen, sondern um Sie zu Ihrer im Sterben liegenden Mutter zu bringen. Er hatte eine Beziehung mit Lena, sie ging zu seinem Freund Amir, jetzt sind beide seine Freunde und er ist Pate ihrer Tochter Jana.

Das Buch beginnt mit Jakobs letztem Arbeitstag als Zeitungsausträger. Reni, sein Chef, hat ihn entlassen, weil eben irgendjemand gehen musste. Es ist Corona-Zeit, das Geschäft läuft nicht gut.

Wie jeden Morgen endet er seine Schicht im Laden von Dunja, wie jeden Morgen serviert sie ihm einen Kaffee und sie reden. Man spürt, dass er sich zu Dunja hingezogen fühlt. Nichts ist ausgesprochen, alles ist möglich. Am Ende werden sie zusammen aufwachen, um “gemeinsam alt zu werden”.

Im ersten Teil, "Hier im Regen", war alles nur Spiel, am Ende nichts passiert, aber es deutete sich an, dass da noch was folgen könnte. Der zweite Teil endete geradezu mit einem Cliffhanger. "Die Tage zwischen früher und jetzt" benötigt definitiv keine Fortsetzung. Oder wünscht man es sich nur, dass dieses Glück Bestand hat?