Der letzte Satz

Robert Seethaler, 2020

Klappentext

Gustav Mahler auf seiner letzten Reise – das ergreifende Porträt des Ausnahmekünstlers. Nach „Das Feld“ und „Ein ganzes Leben“ der neue Roman von Robert Seethaler.

An Deck eines Schiffes auf dem Weg von New York nach Europa sitzt Gustav Mahler. Er ist berühmt, der größte Musiker der Welt, doch sein Körper schmerzt, hat immer schon geschmerzt. Während ihn der Schiffsjunge sanft, aber resolut umsorgt, denkt er zurück an die letzten Jahre, die Sommer in den Bergen, den Tod seiner Tochter Maria, die er manchmal noch zu sehen meint. An Anna, die andere Tochter, die gerade unten beim Frühstück sitzt, und an Alma, die Liebe seines Lebens, die ihn verrückt macht und die er längst verloren hat. Es ist seine letzte Reise. “Der letzte Satz” ist das ergreifende Porträt eines Künstlers als müde gewordener Arbeiter, dem die Vergangenheit in Form glasklarer Momente der Schönheit und des Bedauerns entgegentritt.

145 Seiten

Notizen

Sie hatten ihn auf seinen Wunsch noch vor Morgengrauen hochgetragen und ihm den üblichen Platz hergerichtet. Die Schönheit des Sonnenaufgangs hatte ihm Tränen in die Augen getrieben, und er hatte den Jungen, der schlaftrunken neben ihm gestanden hatte, weggeschickt. Das überraschte ihn selbst. Er hatte gedacht, die Scham längst überwunden zu haben, immer häufiger hatte er sich in letzter Zeit von fremden Menschen tragen, waschen, anziehen und ins Bett bringen lassen müssen, dies war stets diskret geschehen, mit einer Art professioneller Selbstverständlichkeit, die Gefühle wie Peinlichkeit oder Scham gar nicht erst aufkommen ließ. Und dann schämte er sich für ein paar verdrückte Tränen vor einem Kind in einer viel zu großen Uniform.

Man sollte dankbar sein für jeden Tag. Diesmal machen wir es anders, ja? Wir haben so wenig gesehen von Amerika. Das riesige Land. Wir kennen noch nicht einmal diese Stadt. Sie haben überall drugstores hier. An jeder Ecke. Das ist jetzt die dritte Saison und ich war noch nie in einem drugstore.« »Wir gehen morgen hin.« »Versprichst du es mir?« »Wir gehen morgen gleich nach den Proben in einen drugstore und kaufen etwas. Ich verspreche es dir. Und jetzt komm ins Bett!« Als sie später eingeschlafen war, den Kopf zum Fenster gewandt, das Haar lang und wirr auf dem Kissen ausgebreitet, lag er da und blickte sie an. Auf ihrem Gesicht lag der blaue Schein der Nacht. Es gibt keine andere, dachte er. Sie ist mein Glück. Ich weiß nicht, ob ich ihr Glück bin, jedenfalls ist sie meins. Ich weiß nicht, ob ich sie verdient habe. Du kannst dir die Liebe nicht verdienen.

Und morgen möchte sie zum drugstore, keine Ahnung, was das sein soll, aber vergiss es nicht. Vergiss es nicht, vergiss es nicht.

Anna war bestimmt mit der Marmelade beschäftigt. Sie würde ihren Finger erst in das Glas und dann mit geschlossenen Augen in den Mund stecken. Er hätte ihr bei der Hinfahrt einen ganzen Topf dieser Marmelade besorgen und ihn in New York heimlich in ihren kleinen Mädchenkorb stellen sollen. Beim Gedanken an die Freude in ihrem Gesicht überkam ihn ein merkwürdiges Gefühl von Glück, und zugleich wusste er, dass es zu spät war, und er schämte sich.

Selbst der Tod war nur eine Idee der Lebenden. Solange man ihn sich vorstellen konnte, war er noch nicht da.

Im Winter pflegte Alma jeden Tag zu baden. Das halbe Hofoperngehalt ging für das Warmwasser dahin. Andererseits war da ihr Körper unter der Wasseroberfläche. Manchmal auch zusammen mit den Kindern. Erst mit einem Mädchen, dann mit beiden. Er konnte sich nicht erinnern, jemals etwas Schöneres gesehen zu haben als die weißen, weichen Körper im Wasser. Wie Meerestiere, ein Weibchen mit ihren beiden Jungen.

»Ich sollte noch ein bisschen bleiben«, sagte er laut. Doch da hörte er seine eigene Stimme schon nicht mehr. Er merkte auch nicht, wie sich seine Finger lösten und er bei dem Versuch, sich etwas weiter über die Reling zu lehnen, zusammensackte und mit den Knien aufs Deck schlug, nur Sekunden ehe die Schritte der Männer die Treppe hochgepoltert kamen, ihre Stimmen, die harten, klaren Anweisungen des Deckoffiziers, die nach Teer riechenden Hände, die ihn packten, und die Arme, auf denen er fortgetragen wurde wie ein schlafendes Kind, während weit draußen das Wasser zu brodeln begann und sich nur einen Augenblick darauf ein Schwarm Fische erhob, silbern und flirrend und so gewaltig, dass er das ganze Meer in seinen Schatten zu legen schien.

Er dachte an den Mann auf dem Sonnendeck. Er hatte ihn fast schon vergessen, und jetzt war er tot.

Fazit

Es gibt Kritiken, die sagen, Seethalers Portrait des sterbenden Gustav Mahler sei nicht mehr, als man ohnehin aus der Wikipedia erfahren könne. Die dünne Rahmenhandlung mit dem jungen Hilfs-Steward, der ihn auf seiner Reise begleitet wie ein junger Charon über den Styx, sei platt, das Buch nicht mehr als eine Skizze.

Nichts davon stört mich. Ja, der Inhalt ist zu weiten Teilen in der Wikipedia zu finden, aber das Arrangement ist dennoch ein Kunstwerk. Es ist nicht das erste Buch Seethalers, das ich empfehlen würde, es ist nicht wie seine anderen Bücher (wenngleich es Anklänge an “Das Feld” gibt), aber es ist ein gelungenes Werk in sich.