Orca

Franziska Gänsler, 2026

Klappentext

Die Fleischtheke des Supermarkts am Tag, Stille bei Nacht: So sieht Coras Leben aus. Bis ihre Kindheitsfreundin Olympia verhaftet wird und alles zurückkommt. Der Sommer, in dem sie sich wiedergetroffen haben, in dem alles gesummt hat in ihr, das Seewasser noch auf der Haut, der Glitzer auf der Cap, die verzierten Fingernägel. Die langen Tage im großen, leeren Haus mit Olympia, die Cora erkennt, wie sie ist. Und wie schnell sie Olympia nicht mehr nur für sich hat nach der illegalen Party, auf der sie zum ersten Mal eine Grenze überschreiten, nach der Olympia so viel Zeit mit Ariel und ihrer Aktivistengruppe verbringt. Während Cora versucht, in der Schule und zu Olympia den Anschluss zu halten, schlägt eine radikale Idee ihre Triebe aus – und Cora verstrickt sich in ein Lügengespinst, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

Eindringlich und betörend erzählt Franziska Gänsler von der Freundschaft zweier junger Frauen, ihrer Loyalität und dem unbedingten Willen, dazuzugehören. Sie zeichnet die Träume einer ganzen Generation.

»Ein Klimaroman mit Zündstoff, der Thrillerqualitäten hat. ‘Orca’ ist Gänslers bester Roman: klug komponiert, psychologisch nachvollziehbar in der Figurenentwicklung, ein Coming-of-Age-Thriller, der nicht nur von Radikalisierung und Klimawandel erzählt, sondern gleichzeitig von der Arbeit, die es kostet, sozial aufzusteigen und erwachsen zu werden in einer Zeit, in der die Zukunft schon verbaut zu sein scheint.«

304 Seiten

Notizen

Als Olympia festgenommen wird, bin ich bei der Arbeit.

Neben ihren Stiefelspitzen, neben meinen Air Max, schob sie, als das Kaninchen sich das nächste Mal aufbäumte, einen der beiden Steine schnell, mit der Linken, unter den kleinen Kopf. Dann zerschlug sie ihn wie ein Ei.

Ausbeutung, Ungleichheit, der Klimakollaps –, alles lief bei einzelnen Akteuren zusammen, die von dem profitierten, was war, die den Status quo erhalten wollten.

Fazit

ORCA sind die Buchstabenfolgen, die sich Gänslers Protagonistin und Ich-Erzählerin selbst auf die einzelnen Finger tätowiert hat, zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben der Namen von Olympia, Rena, Cora und Ariel, eine ganz besondere Freundinnengruppe.

„Wir waren wie die Orcas in dem Video, das Olympia mir gezeigt hatte. Orcas, die eine Jacht attackierten, sie zum Kentern bringen, spielen wollten.“

Alles in diesem Buch ist anders als es oberflächlich scheint. Cora hat in Wirklichkeit nur ein Problem: Sie will dazugehören. Irgendwo. In ihrer Eliteschule, die sie sich ohne das Stipendium nicht leisten könnte. Ein Stipendium, bezahlt von den reichen Eltern derer, die Cora dafür verachten. Zu Olympia, ihrer selbstbewussten Jugendfreundin, zur Gruppe von Aktivistinnen, denen Olympia sich anschließt.

Als Ariel und andere Aktivistinnen Olympia aufnehmen, will Cora auch dort zugehören. Sie ist es, die von Direct Action zu sprechen beginnt, aber nicht aus Ideologie oder Überzeugung, sondern einfach nur, weil sie um Olympias Aufmerksamkeit kämpft.

Cora beobachtet, imitiert, manipuliert. So kommt sie auch zu Lilian, der Tochter der superreichen Eleonore Brecht, einer Lobbyistin für fossile Energie. Sie lässt zu, dass Lilian sich in sie verliebt, macht mit, spioniert die Brechts aus - und verfängt sich auch hier.

Am Ende verwendet sie diese Informationen. Eine Aktion, die zur Einschüchterung von LNG-Lobbyisten gedacht ist, entgleist, Eleonore Brecht stirbt. Die mit dem Haus vertraute Cora führt Olympia durch einen geheimen Ausgang aus dem Haus und auf die Flucht. Selber kehrt sie ins Haus zurück. Arial ist tot, Cora geht ins Zimmer der schlafenden Lilian, von ihr selbst auf einen Drogentrip gesetzt. Vor der Polizei behauptet sie, sie wäre nie woanders gewesen.

Ein faszinierendes und vielschichtiges Buch, das wieder das Protest-Thema aus Ewig Sommer aufnimmt, und wie immer bei Gänsler, die zarten Gefühle zwischen Frauen.

Ein Buch aus der Gegenwart. Alles ist kompliziert, es gibt gigantische globale Probleme, die Kooperation erfordern, aber wir folgen unseren Sehnsüchten und Ängsten. Auch in Krisenzeiten gilt, wir alle haben nur ein Leben, und ganz besonders gilt das für Cora. Gänslers Kunst ist, uns mit ihr mitfühlen zu lassen.